Sich selbst lieben
Auf jedem Kalender mit Sinnsprüchen steht er, in jeder therapeutischen Praxis hört man ihn regelmäßig und in jeder Frauenzeitschrift gibt er den Stoff für immer wiederkehrende Artikel.
Die Rede ist von dem Satz: „Du musst lernen, Dich selbst zu lieben, damit es andere tun können!“ Fast scheint es, als ob man diesen Hinweis immer wieder geben muss, damit die Leute es endlich kapieren. Anders kann man es sich nicht erklären, weshalb man diesem Rat nirgendwo ausweichen kann, denn von irgendeiner Richtung kommt er immer daher. Ist es denn wirklich so schwer, sich selbst zu lieben? Und wieso muss man das erst lernen, ist uns das nicht in die Wiege gelegt? „Jeder ist sich selbst der Nächste“ – so lautet ein anderer Sinnspruch, der gleich auf dem nächsten Kalenderblatt zu finden ist und auch dieser Spruch hat Wahrheitsgehalt. Egoismus ist, wenn man an sich selbst denkt, aber tut man das nicht, fällt man schnell in eine Situation, in der man dann zu hören bekommt: Du musst doch öfter mal an Dich denken. Wobei wir wieder damit konfrontiert werden, uns selbst lieben zu sollen. Selbstverliebte Menschen werden als narzisstisch bezeichnet und das ist nicht als Kompliment gedacht. Man müsste also den goldenen Mittelweg finden zwischen Narzissmus und fehlendem Selbstbewusstsein. Sich selbst lieben zu können, braucht nämlich Selbstbewusstsein, denn nur wer zu sich und zu dem, was man ist, steht, kann sich selbst lieben. Menschen, die dieses gewisse Etwas haben, das andere Menschen anzieht, haben das Quäntchen Selbstbewusstsein, das nötig ist, sich selbst lieben zu können. Sie geben nach außen ein abgerundetes Bild ab, Seele und Körper sind eine Einheit und das macht in stärkerem Maß attraktiv, als das die Kosmetikindustrie oder Plastische Chirurgie jemals erreichen kann. Also auf! Lernen wir, uns selbst zu lieben!

